Nachgekommen -

Frauen in der Gastarbeitergeschichte

Ein Projekt mit Schülerinnen der Lindenschule Buer

Projektbeschreibung

Nach einer Projektlaufzeit von ca. 1 ½ Jahren konnte im November 2017 in der Lindenschule in Melle-Buer die Präsentation des Buches „Nachgekommen – Frauen in der Gastarbeitergeschichte“ und der dazugehörigen Ausstellung unter Mitwirkung der beteiligten Schülerinnen stattfinden. 

Eine feste Gruppe von sechs jungen Frauen im Alter von 14 bis 17 Jahren recherchierte in dem Projekt die Lebensgeschichten von Frauen, die im Zuge der Gastarbeitergeschichte in den Meller Raum gekommen sind. Sie führten Interviews und Gespräche mit verschiedenen Frauen, die unmittelbar oder mittelbar die Zuwanderung der ersten Gastarbeiter und die Lebenssituation der Frauen in diesem Kontext erlebt und begleitet haben. Sie beschäftigten sich mit den persönlichen Geschichten dieser Frauen: ihrer Rolle in den Familien, ihrem Leben zwischen zwei Kulturen und Gesellschaften, mit der Suche nach Identität im Wechselspiel des Lebens in stark unterschiedlichen Bezügen, mit ihren persönlichen Möglichkeiten, Chancen und Grenzen des Lebens in der alten Heimat, in Buer, in Melle und Umgebung. 

Die Arbeitsgruppe hielt ihre Geschichten in Bildern und Texten fest und befragte Zeitzeugen: Nachbarinnen, Lehrerinnen, Erzieherinnen, Praktikanten, Ladenbesitzer*innen, die Töchter und Enkelinnen. Fotos, Erinnerungen, Dokumente und viele Hintergrundinformationen aus der damaligen Zeit wurden zusammengetragen und gesammelt, um ein möglichst umfassendes Bild dieser gemeinsamen weiblichen, vielfältigen und bunten Ortsgeschichte zu erarbeiten. Dabei galt es aber auch die individuellen Aussagen und Wahrnehmungen der vorgestellten Frauen wertfrei und möglichst authentisch nebeneinander stehen zu lassen.

Die AG im Jahr 2016

von links:

Angelika Grobe (Schulleiterin), Ceren Catal, Uschi Thöle-Ehlhardt (Projektleitung), Kristin Weber, Jule Saßenberg, Lara Lohmöller, Sarah Isabel Ekeler, Tugba Bagsiz, Annegret Tepe (AG Leitung) und Zekiye Azattemür

Das hochwertig und kreativ gestaltete Buch umfasst 220 Seiten. In der parallel dazu erarbeiteten Ausstellung finden sich zwei großformatige Präsentationswände, wie auch 16 großformatige Roll-Ups mit den Kurzporträts der im Buch vorgestellten Frauen in der lokalen Gastarbeitergeschichte. Weitere Elemente der Ausstellung sind Sitzwürfel, die markante Themen dieser Geschichten aufgreifen.

Zielsetzung des Projektes

Die Schülerinnen beschäftigen sich wertschätzend mit der fast 50-jährigen Geschichte der Frauen aus dem Gastarbeiter-Umfeld in Buer, auch mit den Berührungspunkten ihrer eigenen Familien/ihrer Herkunft, und bringen diese einer breiten Öffentlichkeit nahe. Damit sollen Kenntnis und Verständnis für die jeweiligen Situationen und Erlebnisse der Bevölkerungsgruppen, der Geschichte der zugezogenen und der einheimischen Bevölkerung vermittelt, sowie die Ausbildung von Empathie und Verständnis erreicht werden. 

Die Auseinandersetzung mit den persönlichen Geschichten der Frauen in der Gastarbeiter-Geschichte, ihrer subjektiven Wahrnehmungen, ihrer Hoffnungen und Sorgen soll verdeutlichen, dass die Geschichte dieser Frauen eine gemeinsame Geschichte der gesamten Bevölkerung ist und Berührungspunkte in alle relevanten gesellschaftlichen Bereiche hat. 

Durch direkte Gespräche zwischen Jugendlichen und Bürgerinnen/Bürgern unterschiedlicher Herkunft sollen die jungen Menschen einander in Bezug auf die individuellen Lebenserfahrungen, die Gedanken und Sorgen besser kennen- und verstehen lernen. Die jungen Frauen setzen sich intensiv mit den Lebensrealitäten unterschiedlicher Kulturen und Generationen auseinander und erkennen Zusammenhänge und Wechselwirkungen. Schwierigkeiten und hilfreiche Bedingungen des Zusammenlebens werden (möglichst offen) an- und ausgesprochen, dadurch vielleicht auch Möglichkeiten nachträglicher Konflikterkennung, die Wahrnehmung von Brüchen in anderen, aber auch der eigenen Biografien sensibilisiert, sowie mögliche Chancen der Realisierung guter gemeinsamer Lebensperspektiven ausgelotet. 

Alle Beteiligten sollen sich bewusst werden, dass die örtliche Geschichte geprägt ist durch vielfältige Einflüsse einer lang andauernden Zuwanderungsgeschichte, und diese somit einen selbstverständlichen Teil von Heimtageschichte abbildet. 

Diese Erkenntnisse gilt es dann, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dazu werden vorrangig zwei ‚Kommunikationsformen‘ genutzt: 

die Erarbeitung eines Buches und die Konzeption einer begleitenden Ausstellung, die von interessierten Stellen und an exponierten Orten genutzt werden kann. Dadurch hofft die Projektgruppe, dass sich neben der Möglichkeit, sich über das erstellte Buch mit der Geschichte der örtlichen Gastarbeiterbewegung zu beschäftigen, Gesprächsanlässe initiieren lassen, die   es möglich machen, Brücken zwischen den vielfältigen Individuen unserer bunten Gesellschaft aufzubauen. 

Ins Gespräch kommen – Kontakt und Verständigung 

In dem Projekt ging es zunächst darum Kontakte aufzubauen und betroffene Frauen zu identifizieren, die sich an dem Projekt beteiligen wollten. Hilfreich dabei waren schon bestehende Kontakte, die sich in einem vorgeschalteten, sehr ähnlichen Projekt mit dem Titel „Angekommen – Buer und seine Gastarbeiter“  (Buch und Ausstellung im Jahr 2014 vorgestellt) und der umfangreichen Integrationsarbeit vor Ort durch das Projekt „Buer integrativ – Kontakt und Verständigung“, initiiert durch das Netzwerk Jugendhaus Buer e.V. im Jahr 2019, entwickelt hatten. 

Die Frauen, die sich bereit erklärten für Gespräche zur Verfügung zu stehen, wurden durch die Arbeitsgemeinschaft der jungen Frauen zu Gesprächen eingeladen oder Zuhause besucht. Die Jugendlichen erhielten die Gelegenheit direkt mit den Betroffenen ins Gespräch zu kommen und die Gespräche zu gestalten. Ein Interviewleitfaden, der ihnen Orientierung und Sicherheit geben konnte, war von der Gruppe im Vorfeld erarbeitet worden. 

Vorrangig ergaben sich Kontakte zu Frauen, die ihre Wurzeln in der Türkei haben, aber auch zu Frauen, die aus Italien oder Ungarn stammen. Da sich nicht alle beteiligten Frauen sicher in der deutschen Sprache verständigen konnten, war es in vielen Fällen notwendig, dass Übersetzer*innen hilfreich zur Seite standen – oft waren dies in der Regel weibliche Familienangehörige.

In den Gesprächen wurden von den Frauen viele sehr persönliche Themen und Lebenserfahrungen angesprochen – oft untermalt durch den Blick in die familiären Fotoalben. Es sprach Alt zu Jung, Großmutter zu Enkelin, Migrantin zu Nicht-Migrantin, Mutter zu Tochter, und umgekehrt. 

Die jungen Frauen entwickelten während der Projektlaufzeit ein gutes Gespür für die Situationen und die sensiblen Themen der beteiligten Frauen, sodass in einigen Fällen auch zweite oder dritte Gespräche gewünscht wurden, weil ihnen in der Nachschau durchaus Zusammenhänge und Themen deutlich wurden, die es für sie wichtig machten nochmals ins Gespräch zu gehen. Die Fähigkeit Gespräche zu führen, kulturelle Hintergründe zu verstehen und Zusammenhänge zu erkennen, mit Empathie und Verständnis zuzuhören, zu fragen und zu adaptieren, war für die beteiligten Schülerinnen eine große Herausforderung und nahm im Laufe der Projektlaufzeit deutlich zu – ein großer Gewinn für die Persönlichkeitsentwicklung der beteiligten Mädchen, wie auch Eltern und Lehrkräfte im Nachhinein bestätigten.

Die jungen Frauen lernten sich in die Lebensbezüge von Menschen unterschiedlicher Herkunft hineinzudenken, und sie berichten von sehr emotionalen und nahegehenden Gesprächen, die sie teilweise sehr berührt und emotional aufgewühlt haben. Beeindruckt waren sie von der Offenheit und dem Vertrauen, die ihnen von den älteren Damen entgegengebracht wurden.

Gehörtes verantwortungsvoll und verständlich wiedergeben

Die nächste Herausforderung für die Arbeitsgruppe bestand in der Strukturierung und Verschriftlichung ihrer Notizen aus den Gesprächen. Jede Schülerin hatte die ‚Patenschaft‘ für einzelne Biografien übernommen. Im Team wurden die befragten Frauen mit ihren individuellen Lebensgeschichten vorgestellt und ein Rahmen für die textliche Umsetzung besprochen. Es galt auch zu erkennen, dass die Umsetzung in Geschriebenes für eine öffentliche Leserschaft ein hohes Maß an Verantwortung mit sich bringt. 

Dazu gehört zu erkennen und abzusichern, was aus den Gesprächen aus Sicht der beteiligten Frauen, aber auch für die allgemeine Bevölkerung lesenswert erscheint, die Lebensbedingungen der Frauen, ihre Themen und Denkweise zu realisieren und empathisch umzusetzen in Geschriebenes.

Wie lassen sich individuelle Lebensgeschichten so darstellen, dass der Respekt vor dem Individuum gewahrt wird, dass Außenstehende die Gelegenheit für die Ausbildung Verständnis und Empathie erhalten, ohne dass die Biografien belanglos und oberflächlich erscheinen? – eine große Herausforderung mit vielen, vielen Gesprächen und Diskussionen.

In Archiven, beim Heimatverein, in Büchern und Veröffentlichungen sowie im Internet suchte die Arbeitsgruppe zusätzlich nach Informationsmaterial und Fotos – nach Antworten auf Fragen, die sich den jungen Menschen während der Interviews stellten: historische, kulturelle und politische Zusammenhänge, Sitten und Gebräuche, das Leben in der alten Heimat….. Auf Wunsch der Schülerinnen gab es eine Führung und umfangreiche Informationen zum kulturellen Leben von muslimischen Frauen in der Moschee in Melle. 

Die Jugendlichen sammelten auf diese Art und Weise sehr viel Material, bei dem es dann zum Projektende darum ging, daraus ein Konzept für ein Buch und für eine Ausstellung zu entwickeln: eine sinnvolle und nachvollziehbare Reihenfolge von Texten und Informationsmaterial, das Zuordnen und Ergänzen von Fotos und Hintergrundinformationen. 

Die jungen Frauen gestalteten mit Hilfe eines professionellen Computer-Programms erste Ideen für Vorlagen für das Buch sowie für eine Wander-Ausstellung. 

Dazu gab es Workshops zur grafischen Gestaltung des Buches durch einen jungen Mediengestalter, dem es im Austausch mit den Schülerinnen gelang, einen äußerlich sichtbaren, wertschätzenden Rahmen, in den das gesamte Projekt eingebettet ist, zu entwickeln – ein ausgesprochen einfühlsam entwickeltes und ansprechend gestaltetes Layout der einzelnen Kapitel. Die Gestaltung gibt dem Buch mit seinen vielfältigen Themen, den unterschiedlichen Aspekten und einzelnen Schwerpunkten ein gut strukturiertes und übersichtliches Konzept - ein Layout, das dem Inhalt einen ausdruckstarken Rahmen schenkt, aber auch behutsam die Ideen und Vorstellungen der Schülerinnen berücksichtigt. 

Mögliche Elemente und Schwerpunktthemen für eine begleitende Ausstellung wurden diskutiert und festgelegt. Sie ist an das Layout des Buches angepasst und greift dessen Struktur wieder auf. 

Zielerreichung

Nach gut zwei Jahren fand am 24. November 2017 in der Lindenschule die Präsentation des 220 Seiten starken Buches „Nachgekommen – Frauen in der Gastarbeitergeschichte“ und der dazugehörigen Ausstellung unter Mitwirkung der beteiligten Schülerinnen und der zahlreichen Gäste statt - darunter fast aller, die als Interviewpartnerinnen, Zeitzeugen oder als Gesprächspartner aus der nachfolgenden Generation bei der Entstehung des umfangreichen Werkes beteiligt waren. Auch die Schirmherrin beider Projekte, die Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe des Landes Niedersachsen, Doris Schröder-Köpf, war zu Gast.

Fazit der Projektleiterin

Ursula Thöle-Ehlhardt als Projektleitung fasst die Erfahrungen des Projektes zusammen: 

Das Zuhören bietet die Gelegenheit sich den Menschen anzunähern. Unser Ziel ist es, Frauen eine Stimme zu geben, die kaum wahrgenommen wurden, die kaum eine Chance hatten sich mit ihren Lebensbedingungen wahrnehmbar zu machen. Wem konnten sie ihre Ängste, ihre Sorgen und Nöte, ihre Hoffnungen, Wünsche und Gedanken, ihre Freude und ihren Stolz anvertrauen? Ihnen eine Stimme zu geben ist aus unserer Sicht auch eine Form der Wertschätzung.

So finden sich in diesem Buch wie auch in der Ausstellung Mosaiksteine, die vielleicht das eigene Bild jeder Leserin, jedes Lesers erweitern, die vielleicht neue Perspektiven aufzeigen, die vielleicht Vorannahmen bestätigen oder verwerfen, die Fragen mit sich bringen – die aber auf jeden Fall etwas verändern. Und genau dies möchten wir erreichen. Wir möchten, dass mehr Menschen zuhören, dass mehr Menschen hinschauen auf das, was diese Frauen zu sagen haben. Das Zuhören und die Bereitschaft zum Verstehen schaffen die Basis für ein gelingendes Miteinander.

 

Es lohnt sich den Menschen zuzuhören, ist das Fazit der Projektgruppe.