Nachgekommen - Frauenportraits in der Gastarbeitergeschichte

Zweites Buch-Projekt wurde am 24.November präsentiert

Am 24. November 2017 fand in der Lindenschule die Präsentation des Buches „Nachgekommen – Frauen in der Gastarbeitergeschichte“ unter Mitwirkung der beteiligten Schülerinnen statt. In ihrer Begrüßung der zahlreichen Gäste - darunter fast aller, die als Interviewpartnerinnen, Zeitzeugen oder als Gesprächspartner aus der nachfolgenden Generation bei der Entstehung des umfangreichen Werkes beteiligt waren – betonte Schulleiterin Angelika Grobe die Bedeutung, die diese umfangreiche Arbeit an solch einem Projekt für die beteiligten Schülerinnen habe: „Sie verstehen dadurch nicht nur etwas mehr örtliche gesellschaftliche Geschichte, sondern sie wachsen und reifen auch als Persönlichkeiten.“

„Die Bilder und Geschichten der Frauen, die im Zuge der Gastarbeiter-Bewegung vornehmlich in den 70er Jahren zu uns kamen, und die sich für Gespräche mit den jungen Frauen unserer Arbeitsgruppe zur Verfügung stellten, sind vielfältig, sie sind individuell, besonders und einzigartig.

In jeder unserer Geschichten wird etwas ganz Persönliches, auch Vertrauliches deutlich. Wir als Projektgruppe hatten die Chance in ganz private Erinnerungen, Familienereignisse, Lebenshintergründe zu schauen – gemeinsam mit jungen Frauen aus unterschiedlichen Kulturen, die sich mit der Generation ihrer Großmütter beschäftigten, die nachfragten: Wie war das eigentlich - damals?“

Ursula Thöle-Ehlhardt ging als Projektleitung in ihren einführenden Worten besonders auf die Brüche in den Biografien der Frauen ein: „Die Geschichten sind nicht immer gradlinig, sie zeigen Brüche, sie zeigen Irritationen, sie zeigen Verunsicherung und manchmal auch Überforderung, aber immer auch Kraft, Mut, Gestaltungswillen und eine sehr individuelle Lebensenergie sich diesen Herausforderungen zu stellen.“

„Das Zuhören bietet die Gelegenheit sich den Menschen anzunähern. Unser Ziel ist es, Frauen eine Stimme zu geben, die kaum wahrgenommen wurden, die kaum eine Chance hatten sich mit ihren Lebensbedingungen wahrnehmbar zu machen. Wem konnten sie ihre Ängste, ihre Sorgen und Nöte, ihre Hoffnungen, Wünsche und Gedanken, ihre Freude und ihren Stolz anvertrauen? Ihnen eine Stimme zu geben ist aus unserer Sicht auch eine Form der Wertschätzung.“

„So finden sich in diesem Buch Mosaiksteine, die vielleicht das eigene Bild jeder Leserin, jedes Lesers erweitern, die vielleicht neue Perspektiven aufzeigen, die vielleicht Vorannahmen bestätigen oder verwerfen, die Fragen mit sich bringen – die aber auf jeden Fall etwas verändern. Und genau dies möchten wir erreichen. Wir möchten, dass mehr Menschen zuhören, dass mehr Menschen hinschauen auf das, was diese Frauen zu sagen haben. Das Zuhören und die Bereitschaft zum Verstehen schaffen die Basis für ein gelingendes Miteinander.“

Es lohnt sich den Menschen zuzuhören, ist das Fazit der Projektgruppe.

Dr. Roland Hiemann war aus dem Büro der Niedersächsischen Landesbeauftragten für Migration und Teilhabe Doris Schröder Köpf, der Schirmherrin des Projektes, angereist. Er betonte die gesellschaftspolitische Bedeutung des Themas, dem die jungen Frauen sich gestellt haben: „Diese Frauen sind über weite Strecken gar nicht wahrgenommen worden in der deutschen Gesellschaft. Das gilt übrigens gleichermaßen für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Thematik. In der zeitgenössischen Wahrnehmung blieb der ‚Gastarbeiter’ über weite Strecken ein Mann.“ Sein großer Dank ging an das engagierte Tam des Netzwerks Jugendhaus Buer, das diese Chronik überhaupt erst möglich gemacht habe. Großer Dank gebühre auch den interviewten Gastarbeiterinnen, die andere Menschen an ihrem Privatleben teilhaben ließen und Einblick in ihre ganz persönlichen Gefühlslagen gewährt haben.

Der Erste Kreisrat Stefan Muhle, der auch als Vostandsmitglied des Landschaftsverbandes Osnabrücker Land nach Buer gekommen war unterstrich, dass der Landschaftsverband gerne die Umsetzung dieses Buchprojektes mit Fördergelder unterstützt habe. Dass junge Menschen und Schule sich für die Geschichte der Gastarbeiterfrauen und der Frauen, die selber als Gastarbeiterinnen gekommen sind, beschäftigt haben beschrieb er als sehr beeindruckend.

Auch Melles Bürgermeister Scholz zeigte sich beeindruckt von dem Buch und Arbeit des gesamten Teams, vor allem der Schülerinnen, die viel Zeit und Arbeit dieses Projekt eingebracht haben. Auch eine Stadt wie Melle habe sich natürlich verändert, viele Einflüsse von außen tragen dazu bei, dass unsere Stadt sich so entwickelt habe, wie sie jetzt ist. Vielfalt sei eine Bereicherung, dieses für junge Menschen erlebbar und nachvollziehbar zu machen ein wichtiger Schritt zur Verständigung. Es lohne sich zuzuhören, bestätigte der Bürgermeister, es lohne sich aber auch das Buch zu lesen!

Auch wenn die Aufregung der beteiligten jungen Frauen doch zunächst groß war, so stellten sie in Begleitung ihrer Arbeitsgruppen-Leiterin Annegret Tepe vom Jugendwagon Buer gut vorbereitet, souverän und auch mit etwas Humor beispielhaft einige der von ihnen zusammengestellten Biografien vor. Tugba Bagsiz berichtete aus dem Leben ihrer Großmutter Fatma Bagsiz, die davon geträumt hatte, in Deutschland in eine große Stadt mit viel Leben und schönen Geschäften zu kommen – und wo landete sie? Sie kam nach Sehlingdorf, in ein altes Bauernhaus – weit außerhalb auf dem Lande. So sah das für Sie in Deutschland aus: Sie konnte nicht lesen und auch nicht schreiben und sie verstand kein Wort Deutsch. Ihr Mann ging zur Arbeit und sie saß zunächst alleine in Sehlingdorf in einer Wohnung mit zwei Zimmern. Tugba fügte aber auch sehr persönliche Worte an: „Schon früher standen meine Oma und Opa sich sehr nah und konnten nicht ohne einander leben. Die meisten Sachen haben sie zusammen geschafft. Heute sieht es genauso aus wie damals 1985. Immer noch zusammen, Seite an Seite und glücklich. Das ist für mich der wahre Sinn eines Zusammenlebens. Viele Jahre gemeinsam den Weg bestreiten.“

Kristin Weber stellte Nezaket Demir vor, eine Frau, die einige Jahre getrennt von ihrem Mann bei ihren Schweigereltern lebte und schwer mitarbeiten musste in der Landwirtschaft. Drei Jahre hatte ihr Mann sie und die beiden kleinen Söhne nicht gesehen, bevor er wieder in die Türkei zu Besuch kam. Danach war klar: Die Familie gehört zu ihm nach Deutschland – und Hasan Demir machte Druck bei seinen Eltern, sodass sie 1975 nach Buer kam. Nezaket Demir hat eine große Leidenschaft und Begabung für Handarbeiten und vermachte ihrer Tochter eine ganze Truhe mit den filigran gearbeiteten Kopftüchern.

Güleser Yilmaz wurde von Ceren Catal vorgestellt. Sie ging gerne mit ihrem Mann nach Deutschland, nach Buer. Viele Jahre lebte die Familie mit insgesamt 10 Familien in der sog. „Mastanstalt“ unter einfachsten Bedingungen, kleine Wohnungen, kein Badezimmer, keine Toiletten, kein warmes Wasser. Die Familie war die erste dort mit Telefon – mit einem 40m langen Kabel wurde dieses durch alle Familien gereicht.

Jule Saßenberg hat sich ausführlich mit der Lebensgeschichte von Veronika Uhlmannsiek beschäftigt, die als junge Gastarbeiterin 1970 in die Schlachterei Krüger nach Riemsloh kam. Für sie war keine Arbeit zu schwer, sie stellte sich allen Herausforderungen, selbst als sie sich den Arm gebrochen hatte arbeitete sie weiter – irgendwie. Alles, um ihrer Familie und den Geschwistern ein besseres Leben und eine bessere ärztliche Versorgung im Ex-Jugoslawien zu ermöglichen. Die Schwester war an Kinderlähmung erkrankt. Veronika lernte ihren späteren Mann Dieter kennen und heiratete auf einen Hof in Hustädte. Sie lebt hier jetzt mit ihrer Tochter, dem Schwiegersohn und sechs Enkelkindern – und nutzt ihre Zeit nach einem arbeitsreichen Leben um mit ihrem Wohnmobil die Welt zu erkunden – gern gemeinsam mit den Enkelkindern.

Zwei weitere beteiligte Schülerinnen, Zekiye Azattemür und Sarah Isabell Ekeler konnten leider kurzfristig nicht an der Präsentation teilnehmen.

Annegret Tepe begleitete die Gruppe über fast zwei Jahre, stellt die Kontakte zu den Gesprächspartner*innen her, erarbeitete mit den jungen Frauen Interviewleitfäden und führte sie mit viel Sensibilität und Einfühlungsvermögen für alle Beteiligten durch das gesamte Projekt. Ohne ihre guten Kontakte durch die Integrationsarbeit im Arbeitskreis „Buer integrativ“ wären diese persönlichen Gespräche wohl in dieser Form wohl nie zustande gekommen – hier spielen Vertrauen und Verlässlichkeit ein große Rolle.

Den äußerlich sichtbaren, wertschätzenden Rahmen, in den das gesamte Projekt eingebettet ist, erhält das Buch durch das ausgesprochen einfühlsam entwickelte und ansprechend gestaltete Layout der einzelnen Kapitel. Die Gestaltung gibt dem Buch mit seinen vielfältigen Themen, den unterschiedlichen Aspekten und einzelnen Schwerpunkten ein gut strukturiertes und übersichtliches Konzept. Hier hat der in zahlreiche Projekte am Jugendwagon und an der Schule eingebundene junge Mediengestalter Lukas Ehlhardt wieder einmal kreatives Gespür und handwerkliches Geschick erkennen lassen – ein Layout, das dem Inhalt einen ausdruckstarken Rahmen schenkt.

Songül Kilic begleitete musikalisch die Veranstaltung auf der Saz und präsentierte traditionelle Lieder aus der „alten Heimat“. Abgerundet wurde die Veranstaltung durch ein ausgesprochen reichhaltiges und kreativ gestaltetes Buffet, das der Hauswirtschaftslehrer der Schule, Christian Isensee, in Zusammenarbeit mit Dagmar Stacchorra, die auch den Schul-Kiosk betreut, zusammengestellt hatte. Sie übernahm auch die liebevoll gestaltete Dekoration der Räumlichkeiten.

Die Projektgruppe bedankte sich bei allen Menschen, die im Hintergrund mit dazu beigetragen haben, dass dieses umfassende Buch erstellt werden konnte, genauso wie bei denen, die im Hintergrund daran beteiligt waren, dass der Präsentationstag so unkompliziert und erfolgreich verlaufen ist.

„Dazu gehören viele“, betonte Ursula Thöle-Ehlhardt, „angefangen vom Hausmeister, über die Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler, die ihre Klassenräume zur Verfügung stellten, die das Schulgebäude schmückten, beim Auf- und Abbau helfen, das Team vom Jugendwagon, das überall da anpackt, wo es notwendig ist, Herr Meyer und Quang Khuat, die sich um das Funktionieren der Technik kümmern, bis hin zu den Reinigungskräften, die am Wochenende Extra-Stunden einlegen. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie problemlos, verlässlich und vertrauensvoll diese Kooperationen hier laufen.“


Projektstart Anfang 2016

Zeitzeugen gesucht

 

Nachgekommen – Frauen-Portraits in der Gastarbeiter-Geschichte

 

Ein Buch-Projekt mit Schülerinnen der Lindenschule

 

 

 

Die „AG Nachgekommen“ der Lindenschule Buer mit (von links):

Angelika Grobe (Schulleiterin), AG-Leiteirn Annegret Tepe, Jule Saßenberg, Tugba Bagsiz, Ceren Catal, Buchorganisatorin Ursula Thöle-Ehlhardt, Zekiye Azzatemür, Lara Lohmüller, Sarah Ekeler und Kristin Weber.

Foto: Michael Hengehold

 

Seit nunmehr 50 Jahren leben bei uns in Buer und Melle Menschen, die ursprünglich als Gastarbeiter zu uns gekommen sind – aus verschiedenen Ländern, mit verschiedenen Interessen und unterschiedlichem Lebenshintergrund.

Mit ihnen hat sich unser Leben hier verändert – die Frauen und Familien der ehemaligen Gastarbeiter sind „nachgekommen“ – aber besonders die Frauen sind vielfach mit ihrem persönlichen Hintergrund und ihren Problemen bei der Eingliederung in die für sie „neue“ Gesellschaft wenig wahrgenommen worden.

Mit den persönlichen Geschichten der Frauen in der Gastarbeiter-Geschichte wollen wir uns in diesem Projekt beschäftigen: mit ihrer Rolle in den Familien, ihrem Leben zwischen zwei Kulturen und Gesellschaften, mit ihren Möglichkeiten, Chancen und Grenzen des Lebens in Buer, Melle und Umgebung; mit ihren persönlichen Geschichten, Wahrnehmungen, Hoffnungen, Sorgen und Perspektiven.

Gemeinsam mit Schülerinnen aus der Oberschule der Lindenschule Buer und Mädchen aus dem Umfeld des Jugendwagons möchten wir diese Frauen porträtieren, ihre Geschichten in Bildern und Texten festhalten, Interviews führen, sie zu Wort kommen lassen, mit Zeitzeugen ins Gespräch kommen, Fotos und Erinnerungen aus der damaligen Zeit zusammen tragen – ein weiblicher Blick auf Frauengeschichten.

Mit diesen Materialien soll ein zweiter Band zu unserem Buch „Angekommen – Buer und seine Gastarbeiter“ entstehen, der die gemeinsame 50-jährige Geschichte der Gastarbeiter in Buer und Umgebung weiter beleuchtet.

Wir suchen für diesen Projekt Zeitzeugen – Menschen, die Geschichten, Erinnerungen und Erlebnisse beisteuern und darüber mit den Schülerinnen ins Gespräch kommen möchten. Wir sind auf der Suche nach Geschichten aus den verschiedensten Blickwinkeln. Es wäre schön, wenn sich dafür Menschen melden, mit denen wir ein facettenreiches Bild von den Frauen in der Geschichte der Gastarbeiter zusammenfügen können.

Kontaktdaten:

Annegret Tepe                                                              Ursula Thöle-Ehlhardt

Jugendwagon Buer                                                      

Tel.: 04441/6941 oder 0171-6996941                           05427/1072

Jugendwagon.buer@web.de                                        uschi.thoele@mail.de